Nationalmannschafts-Teamchef Jordan Neuman im Interview:

„Wir wollen Vereine und Spieler mehr einbinden – jeder soll das Gefühl haben, Teil der Nationalmannschaft zu sein.“

Seit kurzer Zeit ist Jordan Neuman Teamchef der Herren-Nationalmannschaft. In unserem Interview sprich der 37-jährige US-Amerikaner erstmals ausführlich über seine Ernennung uns seine Ziele. Ganz wichtig ist für den Coach neben der Bildung einer schlagkräftigen Mannschaft vor allem die Einbindung von und Kommunikation mit den Vereinen und ehemaligen Spielern sowie ein neues Konzept im Bereich des Recruitings.

Wie ist es zu Deiner Nominierung als Teamchef gekommen?

„Das war ein langer Prozess. Wir haben das mit der Nationalmannschaft im Dezember neu gestartet und dann wurde nach und nach klar, dass wir eine Führungsperson für die Nationalmannschaft brauchen. Danach gab es zahlreiche Gespräche, mein Name kam ins Spiel und am Ende stand das Ergebnis, dass ich der Teamchef werde und dafür bin ich sehr dankbar.“

Wie waren die Reaktionen auf Deine Nominierung?

„Es war cool. Mich haben viele Spielern und Coaches ihre Glückwünsche ausgesprochen und das Beste für die Nationalmannschaft gewünscht. Das war schön zu hören von so vielen Leuten in meinem Umfeld.“

Wie läuft die Zusammenarbeit mit Jean-Marc Tappy (Direktor Nationalmannschaften) und Markus Ley (Sportdirektor Nationalmannschaft)?

„Bisher hatte ich sehr gute Erfahrungen mit Jean-Marc und Markus. Es ist klar, dass wir alle das Beste für die Nationalmannschaft wollen und jeder hat seine Rolle in unserem Team. Ich bin zuständig für den Sport und Jean-Marc und Markus sorgen im Hintergrund dafür, dass wir die bestmöglichen Voraussetzungen bekommen, ein starkes Team aufzustellen und uns weiterentwickeln können.“

Wie ist Deine Einschätzung des Coaching-Staffs der Nationalmannschaft?

„Wir haben einen sehr guten Coaching Staff. Auf der Seite der Defense haben wir alle Coaches von 2014 und 2017 wieder mit dabei, also eine sehr gute Kontinuität. In der Offense gibt es ein paar neue Gesichter, besonders Frank Rose, unseren neuer Offensive Coordinator. Ich bin sehr gespannt, was er mit der Offense in der Nationalmannschaft macht. Ich bin der Meinung, dass Frank diese Position sehr gut ausfüllen wird und einer der kommenden Trainer in Deutschland ist.“

Hattest Du als neuer Teamchef schon Kontakt zu allen Coaches?

„Nein, bisher noch nicht. Ich habe bisher nur mit unseren Koordinatoren gesprochen. Wir müssen noch ein paar Dinge erledigen, bevor ich mit den Assistant Coaches spreche. Aber ich werde auf jeden Fall bald mit ihnen Kontakt aufnehmen.“

Wirst Du auch weiterhin die Quarterbacks der Nationalmannschaften coachen?

„Nein, leider werde ich nicht mehr Coach der Quarterbacks sein. Was ein bisschen schade ist, weil ich es liebe, Football für die Quarterbacks zu coachen. Aber mit der neuen Aufgabe in der Nationalmannschaft, dem Coachen der Unicorns und der Unicorns Academy ist es am besten, wenn jemand anderes da ist, der sich 100%ig auf die Quarterback konzentriert. Wir sind für diese Position auf der Suche nach einem neuen Coach, wobei ich sicherlich nicht komplett raus bin.“

Wie lauten Deine Ziele für die Nationalmannschaft?

„Das kurzfristige Ziel ist, wieder Leben in das Nationalteam zu bringen. Dazu möchte ich, dass jeder Coach, Spieler, Betreuer und alle in Deutschland das Gefühl haben, ein Teil dieser Nationalmannschaft zu sein. Diese Mannschaft gehört ganz Deutschland, der ganzen Community in Deutschland. Das ist ein sehr wichtiger Punkt für mich.
Die Ziele auf lange Sicht: Ich möchte, dass die ehemaligen Nationalspieler zurück zu uns kommen und eingebunden werden. Dass sie ihre Kenntnisse, ihr Wissen und ihre Erfahrungen an die jungen Spieler weitergeben. Da gibt es viele Möglichkeiten, etwa bei Trainingslagern oder Camps.

Was ich auf jeden Fall in den neuen Strukturen will, ist die Kommunikation mit den Coaches in Deutschland. Mir möchten einen viel intensiveren Austausch zwischen der Nationalmannschaft und den Vereinscoaches. Dabei geht es auch um die Abstimmung der Termine der Nationalmannschaft mit den Vereinen. Am Ende geht es um die Spieler und wir müssen die Termine so gestalten, dass es für alle passt und es zu keiner Überbelastung kommt. Wir müssen auch gegenseitiges Verständnis haben. Da geht es um eine intensive Kommunikation und eine gute Beziehung zueinander. Das müssen wir auf jeden Fall anders machen als bisher.
Meine höchste Priorität ist, dass die Spieler sehr stolz darauf sind, ein Teil dieser Mannschaft zu sein und die Professionalität spüren, mit der wir in allen Bereichen arbeiten wollen, ob in Trainingslagern, Camps oder bei den Spielen.“

Wie willst Du den Nachwuchs berücksichtigen?

„Wir müssen uns auf die U-19 Coaches verlassen. Es gibt natürlich viele Spieler in Deutschland, die talentiert sind und eine Chance haben, in die Nationalmannschaft zu kommen. Aber das braucht uns alle hier in Deutschland. Wir brauchen dafür die Hilfe der Coaches aus allen Regionen, damit wir die Informationen über die Spieler bekommen, um sie dann zu beobachten. Dort sind wir in guten Kontakten.“

Wie viele potenzielle Spieler hat der neue Coaching Staff bereits im Kopf?

„Wir haben selbstverständlich Spieler im Kopf, von denen wir wissen oder glauben, dass sie in die Mannschaft kommen. Zu denen gehören auch viele Spieler, die bereits bei den letzten Turnieren dabei waren. Aber es gibt auch viele Spieler, die bisher noch nicht in der Nationalmannschaft gespielt haben und das Zeug dazu haben. Diese müssen wir immer wieder finden.  Eines unserer Ziele ist es, Scouting und Recruiting zu machen. Und das müssen wir mit einer neuen Struktur machen. Wir haben einen Plan, diese Strukturen im Recruiting neu aufzubauen, damit uns niemand verloren geht.“

Wie verfolgst Du den Weg deutscher Spieler, die in den USA spielen?

„Ich weiß, dass wir schon viele Spieler haben, die in den USA College Football spielen oder durch Pathway Programs und CFL Global-Aktivitäten in Nordamerika aktiv sind – und das ist ein Teil von Recruiting. Wir müssen diese Spieler finden und überzeugen, dass sie für die Nationalmannschaft spielen. So ist es auch bei den Top-Spielern, die hier in Deutschland aktiv sind.“

Welche Auswirkungen hat die Corona-Pandemie auf das Leistungsniveau?

„Natürlich hat Corona für uns alle im letzten Jahr eine große Rolle gespielt. Aber ich bin zuversichtlich, dass wir wieder unser Niveau erreichen können. Das hängt viel von der individuellen Basis ab. Es kommt immer darauf an, was die Athleten und Footballspieler im letzten Jahr gemacht haben. Hatten sie zu Hause die Chance, sich fit zu halten, hatten sie Möglichkeiten, in den Kraftraum zu gehen, welche Arbeit haben sie gemacht? Wenn sie viel tun konnten, glaube ich, dass sie ihr Niveau wieder ziemlich schnell erreichen werden.“

Was wünscht Du Dir für den Footballsport in Deutschland?

„Mein Wunsch wäre, dass wir uns wieder mehr auf den Sport konzentrieren können, den wir alle lieben. Dass die Gesundheitslage sich bessert, es keine Nebengeräusche mehr gibt und wir wieder auf dem Feld stehen und uns auf den Sport konzentrieren können.“

AFVD
American Football Verband Deutschland
http://www.afvd.de