Foto: John Hopkins University
Die Potsdam Royals haben auf den kurzfristigen Abgang von Xeaiver Bullock reagiert und mit Hugh „Bay“ Harvey einen neuen Quarterback für die entscheidende Phase der Saison verpflichtet. Der 24-jährige Schweizer kommt von der Johns Hopkins University nach Potsdam und bringt eine außergewöhnliche Mischung aus Erfahrung, Athletik, Spielintelligenz und Führungsqualitäten mit. Erst im Frühjahr erhielt Harvey zudem die Gelegenheit, sich beim Rookie-Camp der Washington Commanders zu präsentieren.
Der Wechsel wurde notwendig, nachdem Bullock die Royals mitten im Titelrennen verlassen hatte, um sich den Elecom Kobe Finies in der japanischen X-League anzuschließen. Die Verantwortlichen reagierten schnell und fanden in Harvey einen Spielmacher, der sportlich wie menschlich zum hohen Anspruch des amtierenden Deutschen Meisters passen soll.
Kultur des Erfolgs überzeugt Harvey
Für Harvey war bereits nach den ersten Gesprächen klar, dass Potsdam die richtige Adresse für seinen nächsten Karriereschritt sein würde. Neben den sportlichen Erfolgen der vergangenen Jahre beeindruckte ihn insbesondere die Mentalität innerhalb der Organisation.
„Mich haben vor allem die Erfolge der Potsdam Royals in den vergangenen Jahren und auch in dieser Saison angesprochen. Man spürt hier eine Kultur der Exzellenz. Die Spieler versuchen jeden Tag, besser zu werden und gemeinsam als Team mehr zu erreichen, als es einem Einzelnen möglich wäre.“
Der Wechsel kam innerhalb kurzer Zeit zustande. Einige organisatorische Punkte mussten jedoch geklärt werden, da Harvey zusätzlich für die Schweizer Flag-Football-Nationalmannschaft aktiv ist.
„Es ging tatsächlich alles sehr schnell. Ehrlich gesagt wusste ich schon nach dem ersten Gespräch mit den Coaches, dass Potsdam der richtige Ort für mich ist. Es mussten zwar noch einige Dinge geklärt werden, aber eigentlich war mir bereits vor einigen Wochen klar, dass ich zu den Royals kommen möchte.“
Zwischen der Schweiz und den USA
Hugh Morrow Harvey wurde am 5. November 2001 in Providence im US-Bundesstaat Rhode Island geboren. Bereits im Alter von drei Jahren zog seine Familie jedoch in die Schweiz. Aufgewachsen ist er in Lenk im Simmental, seine ersten Schritte im American Football machte er bei den Thun Tigers.
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— Bay Harvey (@BayHarvey1) October 27, 2020
Harvey begann im Jahr 2015 mit dem Sport und wurde zunächst auf mehreren Positionen eingesetzt. Zu seinen frühen Stationen zählten unter anderem Einsätze als Defensive End, Kicker, Punter, Wide Receiver und Tight End, bevor er schließlich dauerhaft die Rolle des Quarterbacks übernahm. Mit der U19 der Thun Tigers gewann er die Schweizer Meisterschaft.
Später wechselte Harvey an die Cleveland Heights High School im US-Bundesstaat Ohio. Dort besuchte er dieselbe Schule, aus der auch die NFL-Stars Jason und Travis Kelce hervorgegangen sind. In seiner einzigen Saison führte Harvey Cleveland Heights zu einer Bilanz von 9:1.
„Es bedeutet mir sehr viel, die Schweiz auf diesem Niveau in der GFL vertreten zu dürfen. Ich bin dort aufgewachsen, habe dort mit Football begonnen und den Sport bei den Thun Tigers gelernt. Deshalb macht es mich stolz, sowohl die Schweiz als auch meinen Heimatverein nun bei den Potsdam Royals repräsentieren zu dürfen.“
Rekordkarriere bei Johns Hopkins
Im Jahr 2021 schloss sich Harvey der Johns Hopkins University in Baltimore an. Nach zwei Jahren als Backup übernahm er 2023 die Rolle des Starting Quarterbacks und entwickelte sich zu einem der erfolgreichsten Spielmacher der Programmgeschichte.



Insgesamt absolvierte Harvey 46 Spiele für die Blue Jays. Dabei brachte er 584 von 867 Pässen für 7.822 Yards, 81 Touchdowns und lediglich 13 Interceptions an. Zusätzlich erlief er in 359 Versuchen 1.556 Yards und 28 weitere Touchdowns.
Seine erste vollständige Saison als Starter im Jahr 2023 wurde zu einem sportlichen Durchbruch. Harvey warf für 3.297 Yards und 36 Touchdowns, erlief weitere 627 Yards und zehn Scores und führte Johns Hopkins bis ins Viertelfinale der NCAA-Division-III-Playoffs. Er war in diesem Jahr einer von nur drei Quarterbacks im gesamten US-College-Football, die mindestens 35 Touchdown-Pässe warfen und zugleich zehn Rushing Touchdowns erzielten.
Nach einer verletzungsbedingt verkürzten Saison 2024 kehrte Harvey 2025 eindrucksvoll zurück. In 14 Spielen erzielte er 3.304 Passing Yards, 33 Touchdown-Pässe, 696 Rushing Yards und 14 Touchdowns am Boden.
Zahlreiche sportliche Auszeichnungen
Für seine Leistungen wurde Harvey unter anderem als Finalist der Gagliardi Trophy 2025 ausgezeichnet, der wichtigsten individuellen Ehrung im NCAA-Division-III-Football. Zudem wurde er zum AP Third Team All-American, zum D3football.com Region 2 Offensive Player of the Year und in das First Team All-Centennial Conference gewählt.
Auch akademisch gehört der Schweizer zu den herausragenden College-Spielern seines Jahrgangs. Harvey studierte Wirtschaftswissenschaften mit einem Nebenfach in Angewandter Mathematik und Statistik. 2025 wurde er als CSC First Team Academic All-American ausgezeichnet und mehrfach in akademische Auswahlteams berufen.
Im Frühjahr 2026 folgte der nächste Höhepunkt: Harvey erhielt eine Einladung zum Rookie-Camp der Washington Commanders und konnte sich dort vor Coaches eines NFL-Teams präsentieren.
Passgeber mit zusätzlicher Laufgefahr
Harvey versteht sich in erster Linie als Quarterback, der den Ball aus der Pocket verteilt und seine Playmaker in Position bringt. Gleichzeitig besitzt er die Athletik, um eine Defense mit eigenen Läufen zu bestrafen.
„Ich sehe mich als Quarterback, der den Ball gerne aus der Pocket verteilt und seinen Mitspielern die Chance gibt, Plays zu machen. Das ist die Aufgabe eines Quarterbacks. Gleichzeitig habe ich kein Problem damit, selbst zu laufen, wenn es die Situation erfordert. Ich spiele mit viel Herz und bin jederzeit bereit, für meine Mitspieler meinen Körper einzusetzen.“
Seine Mobilität betrachtet Harvey dabei als wertvolle Ergänzung, nicht als Grundlage seines Spiels.
„Meine Beweglichkeit ist ein Teil meines Spiels, aber nicht das, worauf ich mich ausschließlich verlasse. Wenn eine Offense gut funktioniert, sollte der Quarterback nicht ständig selbst laufen müssen. Trotzdem kann ein mobiler Quarterback in vielen Situationen ein großer Vorteil sein.“
Schnelle Eingewöhnung als erste Herausforderung
Harvey steigt mitten in der Saison bei einem Team ein, das weiterhin um die Spitzenpositionen und die deutsche Meisterschaft kämpft. Für ihn bedeutet das, innerhalb kurzer Zeit eine neue Offense zu lernen und die Abstimmung mit seinen Receivern aufzubauen.
„Zu einem so starken Team zu stoßen und eine neue Offense zu lernen, ist eine große Herausforderung. Dazu kommt, dass man die Chemie mit den Receivern entwickeln muss. Die Jungs unterstützen mich dabei großartig, helfen mir, das System zu verstehen, und erklären mir, wie sie bestimmte Situationen auf dem Feld sehen. Es wird anspruchsvoll, aber es wird auch sehr viel Spaß machen.“
Nach seinen ersten Trainingseinheiten zeigte sich der neue Quarterback besonders von der Arbeitsweise und dem Anspruch innerhalb der Mannschaft beeindruckt.
„In Potsdam herrscht eine großartige Kultur. Unter den Spielern, im Trainerstab und in der gesamten Organisation ist sehr viel Energie zu spüren. Gleichzeitig gibt es einen hohen Standard, an dem sich jeder messen lassen muss. Wenn jemand nachlässt, wird das klar angesprochen. Genau diese Mentalität gefällt mir.“
Harvey nimmt den Druck an
Der amtierende Deutsche Meister verfolgt auch in dieser Saison höchste Ziele. Harvey sieht den damit verbundenen Druck nicht als Belastung, sondern als zusätzlichen Antrieb.
„Ich nehme diesen Druck gerne an. Während des Trainings oder eines Spiels sollte man nicht ständig darüber nachdenken, aber er motiviert die Vorbereitung. Dafür spielt man Football: um zu gewinnen, in den Playoffs zu stehen und um Meisterschaften zu kämpfen. Ich habe immer nach Programmen gesucht, die genau diese Ziele verfolgen.“
Persönliche Statistiken stehen für Harvey in Potsdam nicht im Mittelpunkt. Sein Fokus liegt vollständig auf dem gemeinsamen Erfolg.
„Über persönliche Ziele habe ich noch nicht viel nachgedacht, weil sie für mich hinter den Mannschaftszielen stehen. Unser Ziel ist es, den GFL Bowl am 3. Oktober zu gewinnen. Alles, was ich persönlich leisten muss, um das Team dorthin zu bringen, wird auch mein eigenes Ziel sein.“
Neue Nummer acht für die Royals
Bei den Potsdam Royals wird Harvey mit der Rückennummer 8 auflaufen. Der 1,88 Meter große und 95 Kilogramm schwere Quarterback spricht neben Englisch auch Deutsch, nach eigener Aussage allerdings möglicherweise „mit einem kleinen Schweizer Akzent“.
Mit drei älteren Drillingsbrüdern wuchs Harvey in einer sportbegeisterten Familie auf. Sein Lieblingsspieler ist Julian Edelman, als prägendsten Moment seiner bisherigen Karriere nennt er das als „Muhlenberg Miracle“ bekannte Spiel seiner College-Zeit. Nun beginnt für ihn in Potsdam ein neues Kapitel.
„Ich möchte der Royals Family vor allem sagen, wie sehr ich mich freue, hier zu sein. Ich kann es kaum erwarten, mein Bestes für diese Mannschaft und die gesamte Organisation zu geben. Jetzt freue ich mich darauf, euch alle kennenzulernen.“
Autor: PassionPress.eu




